2iPM009

"... In ihren Videoinstallationen durchlaufen geometrische Formen durch Licht und Bewegung subtile Verwandlungen und gewinnen so einen organisch-lebendigen Charakter. Die hier gezeigte Arbeit 2iPM009 (2009) gehört zu einer Werkgruppe, die Fernández als «Mobile Paintings» (Bewegliche Gemälde) bezeichnet. Auf der schwarzen Projektionsfläche entsteht durch Licht und Animation ein komplexes Formgewebe: Aus Punkten werden Linien, aus Linien werden Kreuzstrukturen, und so entwickelt sich ein immer dichteres Netz aus weissen Horizontalen und Vertikalen, die wie vibrierende Minus- und Pluszeichen erscheinen. Sie erinnern an Mondrians frühe, horizontal-vertikal gegliederte Kompositionen, etwa an seine Skizzenreihen «Kirchenfassade» oder die Bilderserie «Pier und Ozean» (1914/15). Für Mondrian markierten diese Studien mit dicht nebeneinandergesetzten, kurzen schwarzen Balken auf weissem Grund den entscheidenden Schritt weg von Naturnachahmung und Raumillusion zu einer ungegenständlichen, flächenbezogenen Malerei. Fernández bindet diese von Mondrian ursprünglich aus der Natur abgeleiteten geometrischen Grundformen wieder zurück an die Natur; es geht um die Wechselbeziehung zwischen Geometrie und Empfindung und um einen Kerngedanken der konkret-konstruktiven Kunst: dass die Geometrie als eine universale Ausdrucksform für alle Erscheinungen zu verstehen ist.

Wie in vielen anderen Werken von Fernández ist es auch in 2iPM009 der begleitende Sound eines Naturereignisses, der die Veränderungen der geometrischen Formen choreografiert: synchron mit der Rhythmik des sich verstärkenden Regengeräusches verdichten sich die Punkte und Linien zu einem Liniengeflecht, das in Donnerschlägen seinen pulsierendsten Ausdruck findet. Hier klingen auch die installativen, das Publikum unmittelbar einbeziehenden Werke des venezolanischen Künstlers Jesús Rafael Soto (1923–2005) an. Soto entwickelte ab den 1960er Jahren begehbare Rauminstallationen («Pénétrables ») aus herabhängenden, transparenten Nylonfäden, die ebenfalls Analogien zu «Regenfäden» evozieren. Was in Fernández’ Installation wie die Aufnahme eines realen Regengewitters klingt, ist tatsächlich ein akustisches Werk des slowenischen Chors «Perpetuum Jazzile», der mit Perkussion – Hand, Körper und Stimme – das raumgreifende, synästhetische Szenario eines gewaltigen Naturereignisses entstehen lässt. "

Christina von Rotenhan
Haus konstruktiv
Zúrich, 2010
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